Heute geht es schon um 8:45Uhr nach WuZhen, einer der sogenannten Wasserstaedte suedlich des Jangzi. Und das bedeutet: Ticketkauf am Vortag, Aufstehen schon um 6Uhr, Fahrt zum Suedbahnhof mit der Metro, reservierte Sitzplaetze in einem klimatisierten und rudimentaer stossgedaempften Ueberlandbus und ausschliesslich mitreisende Chinesen. Die sind wohl ebenfalls an einer 2,5stuendigen Nonstop-Ausflugsfahrt aufs Land interessiert und nutzen die Zeit bis zur Ankunft fuer ein Schlaefchen.
WuZhen hat wohl aehnliches zu bieten wie Suzhou. Das besondere an WuZhen ist, dass der alte Ortsteil an Wasserkanaelen gebaut ist. Viele Haeuser liegen unmittelbar am Wasser und ragen teilweise ueber das Ufer hinaus (Bild 1). Bei anderen fuehrt der Zugang zum Wasser ueber einen gepflasterten, hoeherliegenden Uferweg, mit Treppen zum Fluss. Steinbruecken (teilweise sehr schmal oder ohne Gelaender!) verbinden die Ufer. Die Haeuser sind etwa 100 Jahre alt und groesstenteils aus Holz gebaut, mit geschnitzten Tueren und Fensterlaeden. Man kann die Stadt gut zu Fuss erkunden, denn alles liegt in einem klar definierten Gebiet. Der Eintrittspreis fuer dieses Altstadt-Museum ist im Fahrpreis von 15€ (Hin- und Rueckfahrt) enthalten. Schoen ist auch eine kleine Bootsfahrt :-) ueber die Kanaele fuer 8€. Dieses Holzkaehne werden von einem "Gondoliere" mit einem grossen Ruder, das an einem dicken Seil mit dem Boot verbunden ist, fortbewegt. Die Fahrgaeste sitzen auf Holzbaenken unter einem Sonnendach. Fuer diesen Schatten sind wir dankbar, denn auch heute klettert das Thermometer auf (mindestens) 30Grad. Schoen fuer die Touristen ist, das man in einige Haeuser hineinblicken kann, die durchaus geraeumig wirken und hohe Decken haben. Fuer die Kulturinteressierten gibt es noch Ausstellungen zu diesen Themen: Blau/Weissfaerberei (Bild 2), Reisweinherstellung (Geruch aehnlich der Gaerung beim Federweissen), geschnitzte Betten aus der Qing-Dynastie (1644-1911) aus dieser Region, Seideverarbeitung. Der Ort wirkt liebevoll gealtert und hat etwas besonderes.
Auch in WuZhen ist der Geschaeftssinn sehr ausgepraegt: Bambusschnitzereien, Bekleidung (viel blaues) aus Baumwolle oder Seide, Seidenstickbilder, Tuschepinsel in unterschiedlichsten Groessen (auch Reibsteine und Tuschesteine), Suesswaren aus Sesam (erinnert an Halva), Reiswein und vieles mehr. Zu Essen gibt es ausschliesslich traditionelle chinesische Kueche. Zunaechst goennen wir uns kleine Vorspeisen von einer der Strassen-Garkuechen (Bild 3): Reiskuechlein mit einer leckeren Fuellung aus gedaempftem oder fermentiertem Kraut. Gut sind auch die in Blaetter eingewickelten, gewuerzten Reisportionen. An den sogenannten Stinke-Tofu wage ich mich nicht - der Geruch ist eher etwas fuer Kenner... Das Essen wird uebrigens in kleinen Plastiktueten "gereicht" - und die Speisen sind teilweise richtig gut heiss. Da wir nach einem ausgiebigen Gang durch die Altstadt etwas erschoepft sind, kehren wir zu Tee und weiteren traditionellen Speisen in ein Lokal ein. Zum Glueck gibt es ein Blatt, auf dem Speisen auch auf englisch stehen, denn eine bebilderte Speisekarte gibt es hier nicht. Diesmal sitzen wir in einem abgetrennten Raum. Davon gibt es in dem Lokal einige. Die Speisen kommen nacheinander auf den Tisch. Dazu gibt es in jedem Fall Tee - aehnlich Jasmintee nur nicht so blumig; wahlweise Coca Cola oder Erdbeersaft aus der Dose. Gewuerzt sind die Speisen auch hier ausgesprochen lecker und die (ueberwiegenden) Fleischspeisen werden mit Fett und Knochen serviert. Von dem obligatorischen Schweinefleisch suess-sauer ist hier nichts zu sehen. Wir suchen wieder mehrere Gerichte aus und jeder greift aus der Mitte mit Essstaebchen zu. Besonders lecker finde ich das vegetarische Gericht Pilze mit Gurke: Verschiedene Pilze sind kraeftig angebraten und mit einem Gemuese von Gurken-Blaettern geduenstet. Das Gruen erinnert an die Konstistenz von gegartem Blattspinat, macht aber nicht das pelzige Gefuehl.
Ein kleiner Wermutstropfen ist fuer mich hier doch dabei. Durch die zweifellos idyllische, sehr sehenswerte und auch enge Altstadt stroemen hunderte von weiteren Touristen (Bild 4). Da findet sich dann kaum ein Plaetzchen zum entspannten Verweilen. Aber wir troesten uns mit dem Gedanken an das in diesen Tagen sicherlich noch uberfuelltere Suzhou...
Wir haben uns uebrigens nur den Altstadtteil angeschaut. Dafuer hat die Zeit bis zur Abfahrt des Busses (16:05Uhr) gut gereicht. Im Vorbeifahren hat WuZhens "Neustadt" auch nicht sooo sehenswert ausgesehen. Aber die Landschaft zwischen Shanghai und WuZhen gefaellt mir sehr gut. Von der Autobahn sieht alles sehr saftig gruen aus. Vereinzelt liegen (nachdem wir die 20Millionenstadt Shanghai verlassen haben) kleine Doerfer. Es gibt viele Gewaesser: Teiche, Fluesschen, Kanaele. Ueppig wachsen hier Oleander, Bambus, Strauchhibiskus, Lotus, Nadelbaeume. Aber die meisten Pflanzen kenne ich nicht.
Noch ein paar Worte zur Fahrt. Der chinesische Busfahrer war formell gekleidet mit weissem Hemd und langer Stoffhose, dazu weisse Handschuhe. Er hat uns sicher und sehr zuegig meist auf der linken Spur (hier gilt Rechtsverkehr) der meist gebuehrenpflichtigen zweispurigen Autobahn gefahren. Der Standstreifen ist hier uebrigens so wie eine normale Fahrspur und wird auch gerne als Ueberholspur genutzt. Notrufsaeulen habe ich keine gesehen - vielleicht weil hier jeder ein Handy hat, der sich eine Autofahrt leisten kann...
Nach dem Ausflug sind wir ziemlich erschoepft von den vielen Eindruecken, den vielen Mitmenschen - und hungrig. Und weil wir heute schon chinesische Kueche hatten - uebrigens mein erstes Mal - gibt es sie heute abend gleich nochmal - allerdings genossen in einem Restaurant mit gehobener traditioneller Karte. Da ist dann auch das Ambiente wirklich sehr erfreulich und gepflegt. Eingangs gibt es Qualle (leicht knorpelige Konsistenz, da getrocknet und dann mariniert), eingelegten Tofu (sehr fein), kleine Teigroellchen mit zarter Hirtentaeschel-Fuellung (Bild 5). Die naechsten Speisen sind: gedaempftes Huehnchen mit Esskastanie, gebratenes Rindfleisch mit Spargel belegt mit weissem Muschelfleisch, Fisch mit fermentiertem Kraut, Gemuese von gruenem Spargel und als Dessert einen Reiskuchen mit kandidierten Fruechten. Gesamturteil: sehr lecker und - ich kann hier wirklich sehr gut auf suess-sauer verzichten :-)
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