10.10.2007

8. Oktober: Beijing, Kaiserpalast...









Nachdem ich den Bertolucci-Film "Der letzte Kaiser" so mag, steht als wirklich erster Besichtigungspunkt heute fuer mich auf dem Plan: der ehemalige Kaiserpalast, erbaut 1421. Das 720.000qm umfassende Areal mit rund 9.900 Raeumen wird auch "Verbotene Stadt" genannt, weil kein gewoehnlicher Sterblicher die Tore passieren durfte (Reiseknowhow, S. 264). Heute ist das etwas anders als zu Kaisers Zeiten. Will man heute in den Kaiserpalast - und das will man als Beijing-Reisende(r) mit hoher Wahrscheinlichkeit - geht man durch eines der Tore unter dem Mao-Bildnis an Tiananmen-Platz.
Danach folgen erstmal meterhohe und ellenlange Gaenge, die einem durchaus das Gefuehl von Unbedeutendheit und Kleinsein vermitteln. Nach den Gaengen: ein grosser umbauter Platz mit jeder Menge Verkaufsstaende und diversen Haendlern. Lebensmittelmaessig braucht man sich hier uebrigens nicht mehr einzudecken, denn auf dem Gelaende gibt es von gutem Kaffee ueber Wasser bis zu netten Teigwaren so einiges zu zivilen Preisen zu kaufen.

Fast am Ende des Platzes hinter einer Gitter-Absperrung sind links und rechts die Tickethaeuschen fuer den Eintritt von 60Yuan. Dann ist es endlich soweit; der Eingang zum Kaiserpalast durch das sogenannte Mittagstor, "Wumen". Und dann kann man endlich eintauchen in kaiserliche Architektur, die ihresgleichen sucht. Ich lasse ich mich wider bessere Ratschlaege von den Touristenmassen mittragen; aber das ist fuer mich okay, denn das gehoert heute zu diesem Gelaende fuer mich dazu. Und ich weiss gar nicht, ob ich wirklich die richtigen Worte fuer eine treffende Beschreibung finde, versuchen werde ich es.
Da ist zunaechst das Nebeneinander von Repraesentationsgebaeuden (die sehr gross wirken, weil sie auf stufenreichen Podesten stehen) und fast beengten, verwinkelt angelegten, zahllosen kleinen Wohngebaeuden. Und das unbestimmte Gefuehl der zehn Meter hohen Mauer, die das Gelaende komplett umschliesst. In diesem Palast findet auch (verstaendlicherweise) kein wirkliches (kaiserliches) Leben statt; einiges wirkt dadurch wie Staffage, leblos und doch ist da eine zu ahnende Fuelle jahrhundertelanger Erlebnisse von lebenden Menschen, deren Spuren man aber nicht wirklich sehen kann. Die meisten Gebaeude sind uebrigens leer und nur in einigen werden reduziert erscheinende Ausstellungen gezeigt, so Gegenstaende in der Raeumlichkeiten der Kaserinwitwe Cixi, im sogenannten "Palast des immerwaehrenden Fruehlings".

Bemerkenswert sind die Throne, die es in einigen Gebaeuden zu sehen gibt. Sie sind relativ niederbeinig, deutlich sitzbreit, haben eine Rueckenlehne und Sitz- sowie Rueckenpolster. Sie sehen nicht wirklich bequem aus, wirken aber durch die dahinter stehenden dunklen Holzparavents maechtig.
Und dann sind da noch die Ausschmueckungen. Man koennte den Eindruck gewinnen, hier ist jeder Balken, jede Dachsparre kunstvoll bemalt, beschnitzt oder sonstwie eindrucksvoll verziert. Man weiss gar nicht wohin man blicken soll, vor lauter Fuelle und Herrlichkeit. Auf allen Daechern finden sich an den geschwungenen Enden Figurengruppen (Bild 2). Die auesserste Figur zeigt einen kleinen Reiter, der auf einem Wasserwesen (Seepferdchen?) sitzt. Diese Figuren sollen die durchweg aus Holz konstruierten Daecher vor Feuer schuetzen.
Und dann ist da auch der langsam fortschreitende Verfall, die Fuelle und die Bilder der Vergangenheit im Kopf...


Nach dem ausfuehrlichen Besuch des Kaiserpalast, erklimme ich nach fuenf Stunden den Jingshan-Park, den sogenannten Kohlehuegel. Der liegt direkt am Ausgang des Kaiserpalasts und will erklettert sein. Schoen ist der ausgiebige Blick auf die gesamte Palastanlage und die Natur. Und da ich dann immer noch nicht genug habe und der Kaffee im Palastgarten wirklich ausgezeichnet war, schlendere ich noch durch den Beihai-Park. Der ist fast doppelt so lang wie das Palastgelaende und gehoerte wohl dereinst zum kaiserlichen Anwesen, mit jeder Menge Seengelaende, schoenen Spazierwegen, verzierten Gebaeuden und inszenierten Felsbrocken, die die Natur bizarr geformt hat. Die Athmosphaere dieser naturnahen Gelaende ist erfreulich erholsam fuer mich.

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