Das Wetter zeigt sich heute morgen nicht gerade von seiner fotoguenstigen Schokoladenseite. Die Welt erscheint heute in Beijing wie in Nebel getaucht und die Sonne ist morgens eine kleine fahle Orange und laesst sich bis mittags nur erahnen. Und da es auch noch recht frischlich ist, verschiebe ich den Besuch im Sommerpalast auf morgen und ziehe an, was der Kleiderschrank zu bieten hat: Langarmshirt, Fleecejacke, Regen/Windjacke und der hellgruene Paschmina-Schal aus Chengde. Bin durchaus froh um jede Faser am Leib, denn der bald einsetzende Regen laesst das Klima erstmal noch ungemuetlicher werden. Das ist also genau das richtige Wetter fuer innerhaeusliche Aktivitaeten und auch da weiss der Knowhow-Reisefuehrer fuer einen Langzeit-Touristenaufenhalt in Beijing interessantes und alles liegt nordwestlich des Kaiserpalast - wie guenstig. Und da sich die Strecke ziemlich zieht goenne ich mir mal wieder ein Taxi; Grundpreis 10Yuan, da kann man nicht meckern.
Das XuBeihong-Museum ist einem der grossen Maler Chinas gewidmet, der von 1895 bis 1953 lebte und vor allem fuer seine Pferdedarstellungen Beruehmtheit erlangte. Und die sind sicherlich auch etwas ganz Besonderes in seinem Werk. Zu sehen gibt es in dem Museum nur zwei Raeume mit Werken von Xu Beihong, in einem dritten werden Bilder anderer Kuenstler gezeigt, leider ohne Pinjin-Umschrift und von eher weitreichender kuenstlerischer Spannbreite. Wer Kunst nicht wirklich sehr mag, der braucht dieses Museum nicht unbedingt besuchen - finde ich.
Nach einem kleinen Spaziergang schaue ich mir ausgiebig die Residenz von Song Qingling an. Sie war zehn Jahre mit Dr. Sun Yat-sen (Vater der Republik) verheiratet und politisch bis ins hohe Alter fuer die kommunistische Partei aktiv. Es gibt zahlreiche Bilder aus dem Familienalbum und Staatsaufnahmen (Bilder 1-2) zu sehen und vor allem chinesische Touristen. Was diesen Besuch so besonders macht, ist die Prachtentfaltung der Familie Song, die hier lebten wie Adlige... Das Haus besteht auch hier aus verschiedenen Gebaeuden, in einem weitlaeufigen Park gelegen, mit einem kuenstlichen See, kuenstlicher Huegellandschaft und jeder Menge besonderer Steine, Baeumen, Grasflaechen; und das Grundstueck selbst liegt am Houhai-See, hinter hohen Mauern versteht sich. Hier uebrigens noch eine kleine Anekdote am Rande. Als Hochzeitsgeschenke bekam Song Qingling von ihrer Mutter (u.a.?) ein zauberhaftes mehrfarbiges Teeservice und einen gelben Kimono mit 100 daraufgestickten Kindern - sehr huebsch. Von Ihren Ehemann: einen Revolver.
Frau Song war offenbar bis ins hohe Alter politisch aktiv und hatte in den letzten 18 Lebensjahren ihr Arbeitszimmer im grossraeumigen Schlaftimmer im 1. Stock (Bild 3). Einige Fotos lassen vermuten, dass ihr zum Tode eine grosse poltitische Wuerdigung zuteil wurde. Das Gelaende wird militaerisch uebrigens gut von Soldaten bewacht.
Die ehemalige Residenz des Prinzen Gong liegt in der Liuyin Jie, neben einem Restaurant. Zu sehen ist viel Garten (wie bei der Familie Song), einige traditionelle Gebaeude, Steine, ein See mit weissen Enten und Lotus sowie ein Theater fuer Peking-Opern. Da auch hier viel gebaut wird, kann man nur Teile des Komplexes und wenig von den Lebensumstaenden des Prinzen sehen.
Die anschliessende Fahrt in einer roten Fahrrad-Rikscha bringt mich dann in das Innere des Houhai-nahen Hutongs (Bilder 4-8) an Orte, die ich sonst vielleicht nicht gefunden haette. Und das macht fuer mich das besondere an diesem Stadturlaub aus. Ich kann mich treiben lassen und muss nicht eine Besonderheit nach der anderen abhaken. Und einfach so losziehen kann ich hier wirklich unbesorgt.
Auf der 80Yuan-Rundfahrt, fahren wir zunaechst zu einer weiteren, wohl adeligen Residenz, die bislang in keinem Reisefuehrer steht - Quadralagong (oder so aehnlich). Und hier sehe ich zum ersten Mal eine vornehme traditionelle Hauseinrichtung, nicht eingestaubt, nicht hinter Glas, nicht hinter Absperrungen - fast zum Anfassen und zum ausgiebigen Fotografieren. Und: auf Kunst-Handwerk versteht man sich hier wirklich und die Athmosphaere ist ungleich lebensnaher. Eintritt: 20Yuan. Einstieg in die Rikscha beispielsweise am Ostufer des Huohai-Sees.
Aber auch der sportliche Anteil kommt heute nicht zu kurz. Die Tour fuehrt zum Trommelturm - und der Weg zu den teilweise riesigen Trommeln ist echt was fuer Gemsen... Man hat von hier oben einen schoenen Rundblick auf die umliegenden Hutongs und eine besondere Aussicht auf den Glockenturm. Diese beiden Gebauede standen sich uebrigens in Chengde auch meistens gegenueber, meistens im Eingangsbereich der Tempelanlagen. Und wenn ich mich recht entsinne, wurden morgens zum Aufstehen die Trommeln geschlagen und zum Feierabend die Glocken.
Den Abschluss des heutigen Besichtigungsprogramms mache ich heute in der Wangfujing - der Einkaufsstrasse (teilweise als Fussgaengerzone). Auch hier wird sehr fleissig gebaut. Und ich bedauere fast, die ganze Herrlichkeit nicht vollendet zu sehen. Auch in dieser Strasse und den Seitengassen: alles was das Konsumentenherz begehrt. Zum Beispiel ein Stoffladen mit Seiden und Baumwollen. Fuer alle Stoff- und Naehbegeisterten, ein Geschaeft zum "Niederknien". Und gestern habe ich sogar einen Occitane-Laden gesehen...
2 Kommentare:
Hallo liebe Gabi, bin schwer beeindruckt von deinem Blog und werde - da seit heute wieder in deutschen Gefilden - deine Reise nun weiter aufmerksamst verfolgen! Dein Blog hat mich inspiriert auch ein - wenn auch nachträgliches - elektronisches Namibia-Tagebuch zu schreiben!
Noch ganz viele beeindruckende Momente und liebe Grüße Veronika
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