16.10.2007

Nachtrag 10. Oktober: Chengde, vier Tempel

Hammerberg


Puning-Tempel





Putuo-Tempel




Xumifushou-Tempel




Pule-Tempel


Chengde hat ausser der Sommerresidenz und der sehr huebschen waldig-huegeligen Landschaft touristisch vor allem Tempelanlagen zu bieten. Von den dereinst zwoelf Anlagen sind noch sieben erhalten - und vier davon werde ich heute eingehend besichtigen. Ausserdem findet sich in der Umgebung von Chengde noch der Hammer- oder Waschknueppelberg, zu dem eine Seilbahn fuehrt, wenn man sich denn die Zeit nehmen kann. Auf der linken Seite des Bergs sieht man uebrigens einen Baum herausragen, einen Maulbeerbaum (Bild 1).

Der Puning-Tempel, der "Tempel des Universalen Friedens", wurde 1755 nach tibetischem Vorbild erbaut und hat im vorderen Anlagen-Teil chinesische Bauten (Trommel- und Glockenturm). Eine 42armige (alleskoennende) Buddha-Statue (in jeder Handflaeche ein Augensymbol=allessehend) ist das Herzstueck. Die 22m hohe Figur ist aus verschiedenen Holzarten so kunstvoll gearbeitet, dass sie erscheint, wie aus einem Stueck. Die Waende sind mit 10.000 kleinen Buddhafiguren - jede in einer eigenen Nische - geschmueckt; als Symbol der Allgegenwaertigkeit der buddhistischen Lehre. Schoen finde ich, dass man hier auch Menschen in traditioneller Kleidung sieht(Bilder 2-5).

Der "Tempel der Putuo-Lehre" wurde in nur vier Jahren auf Veranlassung des Qing-Kaisers Qianlong als Geburtstagsgeschenk gebaut. 1771 wurde der Kaiser selbst 60 Jahre alt (Symbol: sechs senkrecht eingelassene groessere Buddhareliefs an der Vorderfront), seine Mutter 80 (Symbol: 80 kleine Buddhafiguren am oberen Gebaeuderand, jeweils in einer eigenen Nische). Da war sicherlich eine gute Portion Selbstdarstellung dabei, denn der Tempel wirkt eher wie ein Palast; wurde und wird aber immer noch als Tempel genutzt und zeigt auch so was wie Dankbarkeit und gelebte Religiositaet. Der sogenannte kleine Potala entstand nach dem grossen Vorbild des Potala-Palastes in Lhasa und ist immerhin stolze 43m hoch. Auch hier zahlreiche wunderschoen gearbeitete Buddhafiguren (oft mit kaiserlich-gelben Umhaengen angetan) - fuer die wie hier allerorten Fotografierverbot gilt (Bilder 6-8). In diesem Tempel, der mir besonders gut gefaellt, spende ich eine Gebetsfahne, die nun mit meinem Namen versehen, an einem der Fahnenmasten flattert. Obwohl der Tempel gut besucht ist, herrscht hier eine meditative Stimmung und doch gibt es auch viel Ungewoehnliches zu sehen - eine besondere Mischung.
Es ist uebrigens ein Bildnis des kleinen Potala gewesen, das mich veranlasst hat, eine Reise hierher zu planen.

Zum Xumifushou-Tempel, "Tempel der Glueckseligkeit des Sumeru-Berges", hier ein paar ausfuehrlichere Passagen aus dem Reiseknowhow (S. 340f.), denn die sind eindruecklich: Der Tempel ist eine Nachbildung des Klosters Tashilhunpo (Sitz des Panchen Lama nahe der tibetischen Stadt Xigaze). "Waehrend eines Huldigungsbesuchs zum 70. Geburtstag von Kaiser Qianlong diente der Tempel dem 6.Panchen Lama als Residenz. Der gut dokumentierte Empfang des tibetischen Panchen Lama bildete einen der grossen Hoehepunkte der Feierlichkeiten und markierte den Beginn der engen Anlehnung der Panchen Lama an China. Es kam zu einem Zerwuerfnis mit dem Dalai Lama, das faktisch bis in die heutige Zeit andauert. China wusste die politischen Unstimmigkeiten der beiden tibetischen Oberhaeupter von nun an zu nutzen, um Tibet an China zu binden.
Die Reise endete fuer den 6.Panchen Lama jedoch toedlich. In Beijing erlang er den Pocken." (Bilder 9-11).

Der Pule-Tempel zur "Umfassenden Freude" symbolisiert den Himmelstempel mit seinem kreisrunden Gebauede auf rechteckiger Terrasse. Die grosse Version in Beijing entgeht mir leider, dafuer ist es hier in der am Stadtrand inmitten von Feldern gelegenen Anlage total still, abgeschieden und mystisch (Bild 12).

Nach so viel Buddhismus, dessen Philosophie mich schon an der Uni sehr beeindruckt hat, wage ich mich heute noch ein bisschen weiter vor in die chinesische Kultur und gehe abends allein in ein echt chinesisches Lokal - ein Tip der deutschsprachigen Reisefuehrerin Sissi. Ich bestelle mit gruener Paprika gefuellte Teigtaschen und geduenstetes Gemuese von der bebilderten, rein chinesischen Speisekarte. Wirklich sehr lecker und die Athmosphaere sehr erfreulich. An diesem Abend sehe ich Chengde, das mich nach den grossen Staedten Shanghai und Beijing erstmal nicht wirklich anspricht auch noch von einer anderen Seite.
An diesem Abend treffen sich auf zwei Plaetzen der Stadt viele hundert Menschen zusammen um zu chinesischen Schlager- und Volksmusik gemeinsamm zu tanzen; nicht paarweise sondern in Formation - alle schauen in eine Richtung.
Ein beruehrender Anblick, der viel Lebensfreude und soziales Miteinander zeigt. Denn hier bewegen sich alt und jung, Maenner und Frauen. Jeder kommt dazu, der mag und es gibt keinen "Vorturner". Jeder scheint die Melodien und Bewegungen zu kennen und die haben sowohl was von Ballett als auch von Gymnastik. Wer will da allein daheim vor der Glotze sitzen?

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